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Ausschluss von der Blutspende

Männer die Sex mit Männern haben (MSM) dürfen ebenso wie andere Personengruppen kein Blut spenden. Dies wird in den Medien und im Internet stark diskutiert. Die Gründe, die für diesen Spenderausschluss sprechen, werden hier vom Paul-Ehrlich-Institut erläutert.

Bedeutung der Infektionssicherheit von Blutprodukten

Viele Patienten erlitten in den späten achtziger Jahren durch Blutprodukte Virusinfektionen, z.B. mit dem als AIDS-Virus bekannten Humanen Immundefizienzvirus (HIV). Seitdem hat die Infektionssicherheit von Blutprodukten einen sehr hohen Stellenwert. Eine 100-prozentige Sicherheit wird es nie geben, aber mit über 99,9 Prozent ist die Sicherheit in Deutschland schon sehr hoch, und es ist zweifellos im Interesse der Patienten notwendig, dass dieser hohe Standard gehalten wird. Die Verfügbarkeit von Bluttransfusionen hängt davon ab, dass es Menschen gibt, die Blut spenden wollen, um damit kranken Menschen zu helfen. Dennoch kommt es vor, dass Menschen von der Blutspende ausgeschlossen werden müssen. Denn das übergeordnete Ziel ist es, Patienten, die Bluttransfusionen oder Plasmaprodukte erhalten, vor gefährlichen Infektionen zu schützen.

Die Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass die Sicherheit von Bluttransfusionen Vorrang vor allen anderen Erwägungen hat. Selbst Engpässe in Ferienzeiten müssen manchmal in Kauf genommen werden. Insgesamt ist die Versorgung mit Bluttransfusionen in Deutschland mit 57 Blutkonserven (Erythrozytenkonzentraten) auf 1.000 Einwohner im Europäischen Vergleich besonders gut (Zahlen 2010) – der Europäische Medianwert für die Meldung aus 30 Mitgliedsstaaten lag im Jahr 2010 bei knapp 36 (35,9) Blutkonserven auf 1.000 Einwohner.

Selbst wenn es zu einem Mangel an Blutkonserven käme, wäre dies zwar ein Anlass zu verstärkten Anstrengungen neue Blutspender zu gewinnen, aber keinesfalls eine Begründung dafür, bei der Sicherheit irgendwelche Abstriche zu machen.

Spenderausschluss nicht nur für MSM

Die Hämotherapie-Richtlinien, die unter anderem regeln, wer Blut spenden darf und wer nicht, sehen im Interesse einer möglichst hohen Sicherheit vor, dass bestimmte Personengruppen von der Blutspende ausgeschlossen werden. Dabei beschreiben die Hämotherapierichtlinien die Umstände und Bedingungen sehr genau. Die Personengruppen sind:

  • Personen, die an schweren neurologischen Erkrankungen, schweren Herz- und Gefäßkrankheiten, anderen chronischen Krankheiten, bei denen die Blutspende eine Gefährdung des Spenders oder des Empfängers nach sich ziehen kann, oder bösartigen Neoplasien (Ausnahmen: in situ Karzinom und Basalzellkarzinom nach kompletter Entfernung) leiden oder litten. Personen, die an einer Allergie leiden, wobei die Entscheidung im Einzelfall beim Arzt liegt.
  • Personen, bei denen eine der folgenden Infektionen nachgewiesen wurde: HIV-1 oder HIV-2, HBV, HCV,HTLV Typ 1 oder Typ 2 (HTLV-1/-2), Protozoonosen (Babesiose, Trypanosomiasis (z. B. Chagas-Krankheit), Leishmaniose,) Syphilis, andere chronisch persistierende bakterielle Infektionen, wie Brucellose, Fleckfieber und andere Rickettsiosen, Lepra, Rückfallfieber, Melioidose oder Tularämie.
  • Personen mit dem Risiko der Übertragung spongiformer Enzephalopathien (TSE).
  • Empfänger von Xenotransplantaten.
  • Personen, die Drogen konsumieren und Medikamente missbräuchlich zu sich nehmen.
  • Personen, deren Sexualverhalten ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten, wie HBV, HCV oder HIV bergen. Zu dieser Gruppe gehören MSM.

Wir beantworten hier Fragen, die zum Spenderausschluss von MSM besonders häufig gestellt werden.

Warum sind MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) von der Blutspende ausgeschlossen?

Eine ganze Reihe von gefährlichen Viren kann durch Sexualkontakte übertragen werden und dann lange unerkannt im Blut zirkulieren. Das wichtigste und bekannteste Beispiel ist HIV, das zunächst nur leichte oder kaum merkliche Symptome hervorruft. Bleibt die Infektion unerkannt und unbehandelt, verursacht es – erst nach einigen Jahren – eine Immunschwäche. HIV setzt sich aber schnell in bestimmten Immunzellen fest und gelangt kontinuierlich in die Blutbahn. So ist es möglich, dass man sich nach der Ansteckung über eine lange Zeit gesund fühlt, also auch fit genug für eine Blutspende. In dieser Phase kann man das Virus aber schon weitergeben.

Deshalb werden alle Personen, deren sexuelles Verhalten ein erhöhtes Risiko von Infektionen mit sich bringt, von der Blutspende ausgeschlossen. Dies betrifft nicht nur Männer, die Sexualverkehr mit Männern haben (MSM). Die Formulierung in den Hämotherapierichtlinien lautet:

"…Personen, deren Sexualverhalten ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten wie HBV, HCV oder HIV bergen:

  • heterosexuelle Personen mit sexuellem Risikoverhalten, z. B. Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern,
  • Männer, die Sexualverkehr mit Männern haben (MSM),
  • männliche und weibliche Prostituierte."

Es ist zweifelsfrei belegt, dass Sexualverkehr unter Männern mit einem besonders hohen Risiko einer HIV-Übertragung behaftet ist. Die vom Robert Koch-Institut (RKI) erfassten epidemiologischen Zahlen belegen, dass rund zwei Drittel der Neuinfektionen mit HIV in der Gruppe der MSM auftreten. Die Abschätzung eines HIV-Infektionsrisikos hängt von mehreren Faktoren ab. Epidemiologische Untersuchungen ergaben, dass der Anteil der MSM mit mehr als einem Sexualpartner in den letzten zwölf Monaten höher ist als bei Heterosexuellen. Die Kondomverwendung als Präventionsmaßnahme unterscheidet sich insgesamt nicht wesentlich zwischen Heterosexuellen und HIV-negativen Homosexuellen. Entscheidend ist das sexuelle Netzwerk, in dem die einzelne Person aktiv ist. Da der Anteil von MSM an der Gesamtbevölkerung auf ca. drei bis fünf Prozent geschätzt wird, aber etwa zwei Drittel aller HIV-Infizierten umfasst, ist das Risiko, sich in diesem sexuellen Netzwerk zu infizieren, besonders hoch.

Alle Blutspenden in Deutschland werden mit empfindlichen Methoden auf Hinweise für HIV-Infektionen getestet. Allerdings können die Ergebnisse dieser Tests in der Frühphase nach HIV-Infektion falsch negativ ausfallen. Dieses sogenannte "diagnostische Fenster" ist die wesentliche Ursache dafür, dass weiterhin ein sehr geringes Risiko von HIV-Übertragungen durch Transfusionen aus Spenden frisch infizierter Personen besteht.

Daher kann die Spendertestung ein erhöhtes Risiko der HIV-Übertragung durch Blutspenden nach sexuellem Risikoverhalten nicht beseitigen, sodass ein Ausschluss von der Blutspende weiterhin notwendig ist. Die Zulassung zur Blutspende erfolgt nach Transfusionsgesetz (TFG) nach Beurteilung der Spendetauglichkeit durch den anwesenden Spendearzt. Wie oben wiedergegeben, sind nach den Hämotherapie­richtlinien nicht nur MSM, sondern u.a. auch Personen mit heterosexuellem Risikoverhalten von der Blutspende auszuschließen. Nach sexuellem Risikoverhalten wird im Blutspenderfragebogen gefragt.

Kein Spendearzt ist in der Lage, durch eine eingehendere Befragung sicher auszuschließen, ob ein sich als MSM bezeichnender Mann eine frische Infektion mit HIV, HBV oder HCV erworben hat. So ist es z.B. nicht möglich, durch Befragung mit Sicherheit nachzuvollziehen, ob etwaige Vorkehrungen im Sinne von "safer sex" tatsächlich und wirksam angewendet wurden. Zudem kam auch der Fall vor, dass ein Spender in der Überzeugung in einer stabilen und treuen Beziehung mit einem Mann zu leben, sich nicht als MSM zu erkennen gab, aber von seinem real nicht treuen Partner infiziert wurde und mit seiner Blutspende HIV übertrug.

Sehr wichtig ist die Perspektive bei der Risikoeinschätzung: Welche Risiken ein Mann bei Sexualkontakten in Kauf nimmt bzw. welche Vorkehrungen er zur Verminderung des Risikos trifft, ist fundamental verschieden von der Perspektive der Blutspendedienste und der Behörden, die die Verantwortung dafür tragen, dass alle Anstrengungen unternommen werden, um die Übertragung von Infektionen durch Bluttransfusionen auf Patienten zu verhindern.

Der Ausschluss von MSM von der Spende stellt keine willkürliche Ungleichbehandlung dar. Es müssen beide sich ergänzenden Maßnahmen genutzt werden, um eine Übertragung von Infektionen durch Blutspenden zu verhindern: der Ausschluss von Personen mit sexuellem Risikoverhalten durch die Spenderbefragung und die Testung auf Infektionsmarker. Das Robert Koch-Institut veröffentlicht regelmäßig Berichte mit Zahlen zur epidemiologischen Situation bei HIV, aus denen für MSM nach wie vor ein deutlich erhöhten Risikos gegenüber anderen Gruppen hervor geht. Angesichts dieser Zahlen, ist der Ausschluss von MSM von der Blutspende eine wichtige vorsorgliche Maßnahme, die den Schutz des Patienten/Transfusionsempfängers über den individuellen Wunsch von MSM zur Blutspende stellt. Es wird allerdings derzeit diskutiert, statt eines lebenslangen Ausschlusses, MSM nur noch zeitlich befristet für ein Jahr nach dem jeweils letzten Sexualkontakt mit einem Mann von der Blutspende zurückzustellen.

Was ist die Problematik, wenn die Spender mit Risikoverhalten den Fragebogen nicht wahrheitsgemäß beantworten?

Man kann den Spenderausschluss umgehen, indem man falsche Angaben macht, und das geschieht leider auch. Es gibt in Deutschland jährlich um die 100 Spender, bei denen man durch die Testung feststellt, dass sie HIV-infiziert sind. Von diesen sind rund 50 Prozent MSM, die das im Fragebogen aber nicht angegeben haben.

In den letzten 20 Jahren, als Erfolg der verpflichtenden Testung auf HIV mit zertifizierten Tests, sind in Deutschland insgesamt nur noch sechs Übertragungsfälle von HIV durch infizierte Blutspenden gemeldet worden. Vier davon vor Einführung des direkten Virusnachweises, nur zwei noch danach. Auch wenn der direkte Virusnachweis den Zeitraum des diagnostischen Fensters verkleinert, kann es also zu Übertragungen von HIV kommen, wenn frisch Infizierte Blut spenden. Sämtliche Fälle hätten vermieden werden können, wenn die entsprechenden Spender und Spenderinnen den Fragebogen korrekt ausgefüllt hätten. In allen Fällen handelte es sich um Personen, die auf Grund ihres individuellen sexuellen Risikoverhaltens ausgeschlossen worden wären. Diese Infektionen hätten vermieden werden können und ohnehin kranke Menschen wären nicht noch mehr belastet worden.

Die Tatsache, dass manche die Fragen nach sexuellen Risiken bewusst falsch beantworten, ist aber kein Argument dafür, die Kriterien zu ändern. Die Konsequenz muss vielmehr die beharrliche Aufklärung über den Sinn des Ausschlusses wegen sexuellen Risikoverhaltens sein, nämlich die Minimierung des Risikos für die mit Bluttransfusionen behandelten Patienten.

Wird die Regelung diskutiert?

Der Ausschluss von MSM von der Blutspende wird immer wieder auch in den Medien kritisch hinterfragt, eine Änderung dieser Vorschrift wird von Interessensgruppen in zahlreichen Eingaben, Veröffentlichungen und Aktionen im Internet gefordert. Es gibt allerdings auch Appelle von betroffenen Patienten, wie z.B. Bluterkranken, den strikten Ausschluss aufrecht zu erhalten.

Die Hämotherapierichtlinien werden laufend überprüft und dem Stand der Wissenschaft, insbesondere den epidemiologischen Daten und der technologischen Entwicklung der Testsysteme, angepasst. Den aktuellen Diskussionsstand finden Sie in den hier verlinkten Erläuterungen. Eine Arbeitsgruppe, in der das Paul-Ehrlich-Institut mitgearbeitet hat, kam – wie oben erwähnt – zu der Empfehlung, dass MSM statt des dauerhaften Ausschlusses von der Blutspende nur noch zeitlich befristet für ein Jahr vom jeweils letzten Sexualkontrakt mit einem Mann zurückgestellt werden sollten.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Erarbeitung und Erprobung von Fragebögen zur Spenderbefragung, die eine genauere Erfassung sexuellen Risikoverhaltens ermöglichen. In den letzten Jahren wurde ein bundeseinheitlicher Spenderfragebogen erarbeitet, der gerade auch sexuelles Risikoverhalten bei allen Spendewilligen unabhängig von der sexuellen Ausrichtung genauer erfassen soll. Dieser Fragebogen ist wegen der expliziten Fragen zum Sexualverhalten teilweise scharf kritisiert worden.

Eine Europäische Richtlinie sieht einen Ausschluss von der Blutspende infolge Sexualverhaltens mit hohem Risiko vor. Der Europäische Gerichtshof verhandelte in einem Verfahren den Vorwurf der Diskriminierung eines abgewiesenen MSM. Am 29. April 2015 erging das Urteil. Es bestätigt: Die Sicherheit der mit Bluttransfusionen behandelten Patienten hat oberste Priorität. Gleichzeitig hat das Urteil klargestellt, dass ein Ausschluss von der Blutspende keine unzulässige Diskriminierung darstellt, wenn der Ausschluss erforderlich ist, um das Risiko einer Übertragung einer Infektions­krankheit auf die Empfänger zu minimieren. Das Urteil hat zudem die bisherigen Zweifel ausgeräumt, ob das EU-Recht statt eines Ausschlusses auf Lebenszeit auch eine vorübergehende Rückstellung erlaubt.

Die Frage, wie sich unterschiedliche Regelungen in verschiedenen Ländern auf das Gesundheitsrisiko in Bezug auf HIV-Übertragungen auswirken, wurde von einer Expertengruppe des "European Directorate for the Quality of Medicines and Health Care" (EDQM, Straßburg) beraten. Die Ergebnisse wurden im Juli 2014 in der Zeitschrift Vox Sanguinis veröffentlicht. In dieser Arbeitsgruppe waren das PEI und das RKI vertreten.

Das PEI arbeitet ferner aktiv im "Blood Regulators Network" (BRN) der Weltgesund­heitsorganisation (WHO) mit, einer Arbeitsgruppe von sieben weltweit führenden für Blutprodukte zuständigen Behörden. Die im BRN teilnehmenden Experten haben im Juli 2014 ihre Überlegungen zum Ausschluss von MSM veröffentlicht und betont, dass gesellschaftliche Gesichtspunkte wie die Vermeidung von Diskriminierung zu berücksichtigen sind. Ebenso wiesen sie darauf hin, dass Veränderungen in den Kriterien möglich sind, wenn wissenschaftliche Daten, vor allem in Bezug auf die epidemiologische Situation, diese zulassen. Oberste Priorität muss aber die Sicherheit der Patienten haben. In Deutschland wird schon länger diskutiert und vom Paul-Ehrlich-Institut befürwortet, in den Richtlinien eine zeitlich begrenzte Rückstellung für ein Jahr nach dem letzten Sexualkontakt eines Mannes mit einem Mann einzuführen. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 29. April 2015 hat klargestellt, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür gegeben wären.

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weitere Informationen

10.11.2015: Ausschluss von der Blutspende

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05.03.2015: Einheitlicher Blut- und Plasma­spender­frage­bogen verfügbar

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06.11.2012: Stellung­nahme des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) zur Sicher­heit von Pool-Thrombo­zyten­konzentraten (PTK) und Apherese-Thrombo­zyten­konzentraten (ATK)

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