Paul-Ehrlich-Institut

Hin­wei­se zur Ko­lo­strum-Füt­te­rung bei der Bo­vi­nen Neo­na­ta­len Pan­zy­to­pe­nie

Dieser Artikel ist im deutschen Tierärzteblatt unter dem Titel 'Aktuelles zur Bovinen Neonatalen Panzytopenie' erschienen: Deutsches Tierärzteblatt 59 (6), 2011, S. 746-747)
(auf www.pei.de veröffentlicht im Mai 2012)

Bei der Bovinen Neonatalen Panzytopenie (BNP, "Blutschwitzen bei Kälbern") handelt es sich um ein Blutungssyndrom bei neugeborenen Kälbern in den ersten 4 Lebenswochen, das seit 2007 in Bayern und später in vielen Teilen Deutschlands aufgetreten ist (siehe auch Hinweis im Deutschen Tierärzteblatt vom April 2009, S. 467). Mittlerweile ist auch bekannt, dass eine subklinische Form der Erkrankung existiert.

Epidemiologischen Studien und Pharmakovigilanzdaten ergaben bald deutliche Hinweise auf eine Verbindung zwischen der Anwendung des Impfstoffs PregSure BVD bei den Muttertieren und einem späteren Auftreten von BNP bei den Kälbern. Im April 2010 hat Pfizer Tiergesundheit den Vertrieb von PregSure BVD in Deutschland eingestellt. Auf Initiative des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) folgte im weiteren Jahresverlauf ein Beschluss der Europäischen Kommission, die Zulassung von PregSure BVD ruhen zu lassen.

Inzwischen laufen in Deutschland und anderen betroffenen Ländern zahlreiche Forschungsvorhaben zu möglichen Ursachen der Erkrankung. Nach neuesten Ergebnissen scheint eine immunpathologische Reaktion bei den geimpften Tieren aufzutreten, die zu einer Produktion von alloreaktiven Antikörpern führt. Über das Kolostrum solcher Muttertiere werden diese Stoffe auf das Kalb übertragen und die Erkrankung bei empfänglichen Nachkommen mittels einer immunpathologischen Reaktion ausgelöst. Eine Aufnahme von Kolostrum, das von BNP-Muttertieren stammt scheint keine Auswirkungen mehr zu haben, wenn die Kälber älter als 36 Stunden sind. Ab diesem Zeitpunkt ist die Darmbarriere für die Resorption von Immunglobulinen geschlossen.

In einem Schreiben an seine Kunden vom 13. April 2011 weist Pfizer Tiergesundheit darauf hin, dass die Entstehung dieser Antikörper möglicherweise durch Zellbestandteile, die herstellungsbedingt im Impfstoff vorhanden sind, stimuliert sein könnte. Wissenschaftliche Versuche zu dem zugrunde liegenden Pathomechanismus werden gegenwärtig durchgeführt.

Bis Ende Februar 2011 erfolgten europaweit Meldungen über 4623 Kälber mit BNP. Hiervon stammen 3040 Fälle aus Deutschland. Obwohl PregSure BVD in Deutschland seit April 2010 nicht mehr eingesetzt wird, treten noch neue BNP-Fälle auf. Zahlreiche sogenannte Blutermütter haben in späteren Trächtigkeiten weitere BNP-Kälber zur Welt gebracht, und zwar selbst dann, wenn keine erneute Impfung mit PregSure BVD durchgeführt worden war.

Aus diesen Gründen ist es wichtig, dass Tierärzte die Landwirte bezüglich der Rahmenbedingungen für die Aufzucht von Kälbern, deren Muttertier bereits ein BNP-Kalb hervorgebracht hat, entsprechend informieren und sorgfältig beraten:

  • Landwirte sollten auf die Nutzung eines Kolostrumpools verzichten. Insbesondere sollte kein Mischkolostrum verfüttert werden, das Kolostralmilch von Kühen enthält, die bereits ein BNP-Kalb geboren haben.
  • Landwirte sollten sicherstellen, dass Neugeborene von Kühen, die bereits ein BNP-Kalb geboren haben, kein Kolostrum des Muttertieres aufnehmen. Dagegen sollte sichergestellt werden, dass diese Neugeborenen rechtzeitig ausreichend Kolostrum von Kühen erhalten, die keine BNP-Kälber hatten.
  • Betriebe mit BNP-Kälbern sollten Kolostrum von Kühen, die keine BNP-Kälber hervorgebracht haben, sammeln und lagern, um einen ausreichenden Vorrat zu gewährleisten.
  • In Herden mit hoher BNP-Inzidenz sollte der Bezug von Kolostrum aus BNP-freien Herden erwogen werden. Allerdings ist in diesem Fall eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abschätzung durchzuführen, um das Risiko eines Auftretens von BNP mit dem Risiko einer Einschleppung von Krankheiten oder anderen potenziellen Neugeborenenproblemen, die aus der Verwendung von betriebsfremdem Kolostrum resultieren können, gegeneinander abzuwägen.
  • Als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme dürfen Kolostrum oder Blut von Kühen aus Betrieben, in denen BNP-Fälle aufgetreten sind, nicht für kommerzielle Zwecke wie z.B. die Herstellung von Kolostrumersatzpräparaten, von anderen Futterzusatzstoffen oder von Pharmazeutika verwendet werden. Diese Vorkehrungen
    betreffen allein Kolostrum und Blut. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass Milch- oder Fleischprodukte von Kühen, die BNP-Kälber hatten, oder Fleisch von Kälbern, die von der Krankheit betroffen waren, nicht für den menschlichen Verzehr geeignet wären.

Die Klinik für Wiederkäuer der Ludwig-Maximilians-Universität München forscht weiterhin an der Epidemiologie dieses Krankheitsbildes und ruft alle tierärztlichen Rinderpraxen auf, BNP-Fälle zu melden.

Aktualisiert: 21.11.2019