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Nature-Veröffentlichung von Jaunmuktane et al: Alzheimer durch Gewebe?

Erläuterung und Bewertung des PEI zu den Ergebnissen der Studie

In der Publikation von Jaunmuktane et al. wird über Autopsiebefunde von acht Patienten berichtet, die als Kinder in der Zeit vor 1985 im Vereinigten Königreich (VK) mit Wachstumshormon behandelt worden waren, das man aus menschlichen Hypophysen (Hirnanhangsdrüsen) gewonnen hatte. Diese Patienten hatten eine iatrogene (durch diagnostische oder therapeutische Maßnahmen verursachte) Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (iCJK) entwickelt. Die Patienten waren 36 bis 51 Jahre alt geworden, die Inkubationszeit zwischen der Behandlung und dem Auftreten von iCJK betrug zwischen 28 und 39 Jahre. Bei der Autopsie zeigte sich bei keinem der acht Patienten eine genetische Veränderung, die auf das Auftreten einer CJK oder Alzheimererkrankung hingedeutet hätte.

Bei vier der acht Patienten fanden sich deutliche, bei zwei weiteren Patienten gering ausgeprägte Ablagerungen von Amyloid-ß (Aß) im Hirngewebe, bei einem Patienten in Prionplaques eingeschlossenes Aß. Ablagerungen mit Aß zählen zu den Veränderungen, die bei Alzheimerpatienten im Gehirn nachweisbar sind, was bei dem relativ jungen Alter der Patienten sehr ungewöhnlich ist. Bei keinem der Patienten war eine Alzheimer-Erkrankung diagnostiziert worden.

Die derzeit vorherrschende Hypothese geht davon aus, dass Alzheimer zu den so genannten Protein-Fehlfaltungs-Erkrankungen gehört. Danach wirken kleine Mengen von fehlgefaltetem Aß als Keime ("seeds") für die Bildung von größeren Aß-Ablagerungen. Die o.g. Befunde wurden so gedeutet, dass durch die aus Hypophysen gewonnenen Präparate nicht nur Prionen übertragen worden waren, die zu der iCJK führten, sondern auch "Aß-seeds". Diese Annahme wird unterstützt durch Untersuchungen in einer Kontrollgruppe von 116 Patienten, die an CJK ohne vorherige Behandlung mit menschlichem Wachstumshormon erkrankt waren. 19 dieser Patienten waren in einer vergleichbaren Altersgruppe wie die acht Patienten, bei denen Aß gefunden worden war. Von diesen 19 Patienten wies keiner Aß-Ablagerungen auf.

Weiterhin wurden die Hypophysen von 49 Patienten mit nachgewiesener Alzheimererkrankung untersucht. In sieben Fällen zeigten sich Aß-Ablagerungen. Insgesamt erscheint es plausibel, dass Hypophysenextrakte "Aß-seeds" enthalten können.

Der Nachweis von Aß-Ablagerungen in diesem (wenn auch nur kleinen) Kollektiv ist unerwartet und aus Sicht des Paul-Ehrlich-Instituts ernst zu nehmen. Die Ergebnisse können als Hinweis dafür gewertet werden, dass, im Einklang mit der Hypothese der Protein-Fehlfaltung, "Aß-seeds" in peripher injizierten Präparationen der Hypophyse über einen bisher ungeklärten Mechanismus ins Gehirn transportiert werden und dort zur Bildung von Aß-Ablagerungen führen können. Allerdings hat keiner der untersuchten acht Patienten das Vollbild von Alzheimer mit zusätzlicher Ausbildung von Tau-Fibrillen gezeigt. Es bleibt also offen, ob es bei diesen Patienten tatsächlich zu einer Alzheimer-Erkrankung gekommen wäre.

In diesem Zusammenhang soll die sogenannte 'Nonnen-Studie' erwähnt werden, in der gezeigt wurde, dass ein stark verändertes Gehirn (auch mit der Ausbildung großer Bereiche von "Alzheimer-Plaques") nicht zwingend zum Auftreten von Alzheimer führt.

Universität Witten/Herdecke - Bahnbrechende Studien aus der Forschung: Die Nonnenstudie

The Nun Study - Dr. David A. Snowdon

Linguistic Ability in Early Life and Cognitive Function and Alzheimer's Disease in Late Life - Findings From the Nun Study

Die Autoren der Nature-Publikation sehen eine Analogie in der möglichen Übertragbarkeit von "Aß-seeds" zu der Übertragbarkeit von Prionen. Eine Übertragung durch Bluttransfusionen ist allerdings bisher lediglich in vier Fällen bei der durch Verzehr von BSE-kontaminierten Rinderprodukten ausgelösten vCJK im Vereinigten Königreich beobachtet worden. In Deutschland gibt es bisher keinen Fall einer vCJK. Aus der intensiven epidemiologischen Beobachtung und Studien gibt es bisher keine Hinweise auf eine Übertragbarkeit von Alzheimer durch Blut(transfusionen).

Die von Jaunmukante Z. et al. publizierten Ergebnisse stellen somit keinen Beleg dafür dar, dass Alzheimer durch Bluttransfusionen oder menschliche Gewebe (mit Ausnahme von nicht ausreichend behandeltem, mit dem Gehirn assoziierten Zubereitungen) übertragbar sein könnte.

Das Fehlen eines Beleges darf allerdings keinesfalls so gewertet werden, dass diese Möglichkeit vollständig ausgeschlossen werden kann. Dies hat auch der Arbeitskreis (AK) Blut bereits 2012 in einer Stellungnahme festgestellt (Bundesgesundheitsblatt, 2013, 56, 584 und 585-589).

Vor diesem Hintergrund ergibt sich für das Paul-Ehrlich-Institut aus den nun publizierten Ergebnissen ein weiterer Grund für den bereits 2012 vom AK Blut postulierten weiteren Forschungsbedarf.

Fragen und Antworten

1. Bedeuten die Ergebnisse aus der Studie, die in Nature veröffentlicht wurde, dass man Alzheimer wie eine Infektionskrankheit von Mensch zu Mensch übertragen kann?

Nein – auch die Autoren selbst erklären, dass ihre Ergebnisse keinen Hinweis darauf geben, dass Alzheimer durch Berührungen, Sexualkontakte oder generell Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen werden kann. Oder dass Personen, die in engem Kontakt zu Alzheimerpatienten stehen, wie beispielsweise pflegende Angehörige, sich bei den Kranken anstecken können.

2. Bedeuten die Ergebnisse aus der Studie, die in Nature veröffentlicht wurde eine mögliche, bisher unerkannte, Gefahr die von Arzneimitteln aus Blut ausgehen könnte?

Nein. Das Paul-Ehrlich-Institut sieht derzeit die Sicherheit von Blut und Blutprodukten nicht in Frage gestellt. Personen, die mit Hypophysenhormonen menschlichen Ursprungs bzw. Dura Mater (Hirnhaut)- oder Cornea (Hornhaut)-Transplantaten behandelt wurden, sind von der Blutspende ausgeschlossen. Die gleichen Ausschlusskriterien gelten auch bei der Gewebespende.

3. Wenn ich eine Hornhauttransplantation erhalten habe oder mir eine solche Transplantation bevorsteht – muss ich nun befürchten, dass ich Alzheimer bekommen könnte?

Aus den Bewertungen im Rahmen von Genehmigungs- und Zulassungsverfahren für Gewebezubereitungen liegen dem Paul-Ehrlich-Institut keine Erkenntnisse oder Anhaltspunkte darüber vor, dass nach einer Hornhaut-Transplantation das Risiko einer Alzheimererkrankung besteht.

4. Bedeuten die Ergebnisse dieser Publikation, dass Menschen, die mit Wachstumshormonen behandelt werden, nun möglicherweise Alzheimer entwickeln werden?

In der Publikation geht es um ein Wachstumshormonpräparat, das aus der Hirnanhangsdrüse von Menschen gewonnen wurde. Bereits seit 1985 gibt es diese Präparate nicht mehr. Sie wurden vollständig durch rekombinant hergestellte Präparate ersetzt.

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